Logistik lexikon

Backflushing: Retrograde Entnahme in der Fertigung

Backflushing (retrograde Entnahme): wie der Materialverbrauch nach Stückliste mit der Rückmeldung gebucht wird, Vorteile, Risiken und Beispiel.

Backflushing ist ein Buchungsverfahren, bei dem der Materialverbrauch nicht bei der Entnahme, sondern nachträglich mit der Rückmeldung der Fertigung gebucht wird. Das System errechnet den Verbrauch aus Stückliste und gemeldeter Menge und bucht ihn vom Bestand ab. Deutsche Bezeichnungen sind retrograde Entnahme oder retrograde Verbrauchsbuchung.

Was ist Backflushing?

Backflushing, auf Deutsch retrograde Entnahme oder retrograde Verbrauchsbuchung, ist ein Verfahren der Bestandsführung in der Produktion. Der Verbrauch von Material wird nicht in dem Moment gebucht, in dem es aus dem Lager oder vom Bereitstellplatz genommen wird. Gebucht wird erst, wenn die Fertigung meldet, wie viele Einheiten sie hergestellt hat. Aus dieser Rückmeldung und der hinterlegten Stückliste (englisch Bill of Materials, BOM) berechnet das ERP-System den Sollverbrauch und bucht ihn vom Bestand ab.

Das Gegenstück ist die direkte Entnahmebuchung: Jede Entnahme wird zum Zeitpunkt der Entnahme erfasst, etwa per Entnahmeschein oder Scan. Vom Backflushing in der Bestandsführung zu unterscheiden ist Backflush Costing in der Kostenrechnung, bei dem Kosten erst am Ende des Fertigungsprozesses den Produkten zugeordnet werden.

Wie funktioniert Backflushing im Ablauf?

  1. Bereitstellung: Das Material wird an den Arbeitsplatz oder in ein Produktionsversorgungslager gebracht, zum Beispiel über einen Kanban-Regelkreis. Eine Verbrauchsbuchung erfolgt dabei noch nicht.
  2. Fertigung: Die Mitarbeiter entnehmen das Material ohne Einzelbuchung.
  3. Rückmeldung: Nach einem Arbeitsgang oder am Ende des Auftrags werden Gutmenge und Ausschuss gemeldet.
  4. Retrograde Buchung: Das System multipliziert die gemeldete Menge mit den Mengen aus der Stückliste und bucht den errechneten Verbrauch vom Lagerort ab.
  5. Abgleich: Abweichungen zwischen Systembestand und tatsächlichem Bestand werden über Inventuren erkannt und korrigiert.

In ERP-Systemen wird je Material oder Stücklistenposition festgelegt, ob retrograd entnommen wird. So lassen sich Kleinteile retrograd und teure Komponenten direkt buchen.

Welche Vorteile hat Backflushing?

  • Weniger Buchungsaufwand, weil Kleinteile nicht einzeln erfasst oder gescannt werden müssen.
  • Die Mitarbeiter in der Fertigung können sich auf die Montage konzentrieren.
  • Das Verfahren passt zu Serienfertigung, Kanban und Just-in-Time-Belieferung, wo Material in kurzen Abständen fließt.
  • Es entspricht dem Ziel des Lean Management, nicht wertschöpfende Tätigkeiten zu verringern.

Welche Nachteile und Risiken hat Backflushing?

  • Zeitverzug: Zwischen Entnahme und Rückmeldung zeigt das System Material noch als verfügbar, das bereits verbaut ist. Das kann zu Fehlplanungen und Fehlmengen führen.
  • Abhängigkeit von der Stückliste: Ist die Stückliste falsch, ist auch jede Buchung falsch.
  • Nicht gemeldete Abweichungen: Ausschuss, Mehrverbrauch oder Schwund, die nicht gesondert gemeldet werden, führen zu Bestandsdifferenzen.
  • Rückverfolgbarkeit: Muss nachgewiesen werden, welche Charge in welches Endprodukt eingegangen ist, reicht die rechnerische Abbuchung allein nicht aus. Die Charge muss dann zusätzlich erfasst werden.

Backflushing setzt deshalb genaue Stammdaten, disziplinierte Rückmeldungen und regelmäßige Bestandskontrollen in der Lagerverwaltung voraus.

Für welche Materialien eignet sich Backflushing?

Gut geeignet sind geringwertige Teile mit hohem und gleichmäßigem Verbrauch, etwa Schrauben, Muttern, Kabelbinder oder Klebstoffe, sowie Komponenten mit stabiler Stückliste in der Serienfertigung. Weniger geeignet sind teure Komponenten, Material mit stark schwankendem Verbrauch und Einzelfertigung, in der die Stückliste häufig angepasst wird.

Beispiel: Backflushing in der Montage

Ein Hersteller montiert Elektromotoren an einer Linie. Schrauben, Unterlegscheiben und Kabelbinder stehen in Behältern am Band. Am Ende jeder Schicht meldet die Linie die Zahl der fertigen Motoren. Das ERP-System bucht daraufhin die Kleinteile entsprechend der Stückliste vom Bestand der Linie ab. Ist ein Behälter leer, löst die Karte den Nachschub aus dem Lager aus. Bei der Inventur zeigt sich, ob der Verbrauch der Stückliste entspricht. Übernimmt ein Logistikdienstleister die Versorgung der Linie, gehört zur Abstimmung, wer den Bestand am Band führt und wann gebucht wird. Mehr zu den Aufgaben in diesem Umfeld steht unter Produktionslogistik.

Häufige Fragen

Wann wird beim Backflushing gebucht?

Gebucht wird mit der Rückmeldung der Fertigung, also nach einem Arbeitsgang oder am Ende des Fertigungsauftrags. Die physische Entnahme liegt davor und wird nicht einzeln gebucht.

Was ist der Unterschied zwischen Backflushing und Backflush Costing?

Backflushing bezeichnet die nachträgliche Bestandsbuchung von Material nach Stückliste. Backflush Costing ist ein Verfahren der Kostenrechnung, bei dem Kosten erst nach Abschluss der Fertigung den Produkten zugerechnet werden.

Wie erkennt man Bestandsdifferenzen durch retrograde Entnahme?

Differenzen zeigen sich beim Vergleich des Systembestands mit dem gezählten Bestand, also bei Inventuren oder Stichproben. Mögliche Ursachen sind fehlerhafte Stücklisten und nicht gemeldeter Ausschuss.

Herausgeber: MHV Systems GmbH · Walldorf

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