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Assemble to Order (ATO): Produktions- & Logistikkonzept erklärt

Fachartikel: Assemble to Order (ATO) – Die goldene Mitte der Produktionsstrategien

In der modernen Industrie ist das Assemble to Order (ATO) ein hybrides Produktions- und Logistikkonzept, das die Vorteile der Lagerfertigung (Make to Stock) mit denen der Auftragsfertigung (Make to Order) kombiniert. Bei diesem Ansatz werden alle notwendigen Komponenten und Unterbaugruppen bereits auf Basis von Bedarfsprognosen vorproduziert und eingelagert. Die endgültige Montage zum fertigen Produkt erfolgt jedoch erst in dem Moment, in dem ein konkreter Kundenauftrag eingeht. ATO ist somit die Antwort auf die Forderung nach hoher Produktvarianz bei gleichzeitig kurzen Lieferzeiten – ein entscheidender Faktor im globalen Wettbewerb des Jahres 2026.

Funktionsweise: Der Kundenentkopplungspunkt

Das Herzstück des ATO-Konzepts ist der sogenannte Kundenentkopplungspunkt (Order Penetration Point). Bei Assemble to Order liegt dieser Punkt unmittelbar vor der Endmontage.

Der zweistufige Prozess:

  1. Prognosebasierte Phase (Push-Prinzip): Einzelteile und Module werden produziert und im Lager bereitgehalten. Das Risiko liegt hier in der Genauigkeit der Absatzprognosen für die Grundkomponenten.
  2. Auftragsbasierte Phase (Pull-Prinzip): Sobald der Auftrag eintrifft, wird die spezifische Konfiguration aus den Lagerbeständen entnommen und montiert. Dies ermöglicht eine kundenindividuelle Anpassung ohne die langen Vorlaufzeiten einer kompletten Neuanfertigung.

MerkmalMake to Stock (MTS)Assemble to Order (ATO)Make to Order (MTO)IndividualitätGering (Standard)Mittel (Konfiguration)Hoch (Spezialanfertigung)LieferzeitSehr kurzKurzLangBestandsrisikoHoch (Fertigware)Mittel (Komponenten)Gering (Rohmaterial)PlanungsfokusAbsatzprognosePrognose + AuftragKonkreter Auftrag

[Image: A modular production line visualization showing a storage area with standardized components (engines, frames, electronics) and a final assembly cell where a robot puts them together according to a digital customer order display]

Praxis-Nutzen: Warum ATO die Logistik effizienter macht

Unternehmen, die ATO erfolgreich implementieren (prominente Beispiele sind die Computerindustrie oder der Automobilsektor), profitieren von einer deutlich schlankeren Logistikkette.

Die zentralen Vorteile:

  • Reduzierung der Lagerkosten: Anstatt hunderte verschiedene Fertigprodukte auf Lager zu halten, werden nur standardisierte Module gelagert. Dies senkt die Kapitalbindung massiv.
  • Hohe Flexibilität: Kunden können aus einer Vielzahl von Optionen wählen (Mass Customization), ohne dass das Unternehmen jedes Szenario vorproduzieren muss.
  • Kurze Durchlaufzeiten: Da die zeitaufwendige Herstellung der Komponenten bereits abgeschlossen ist, reduziert sich die Lieferzeit auf die reine Montage- und Versanddauer.
  • Geringeres Obsoleszenzrisiko: Da Produkte erst bei Bedarf finalisiert werden, sinkt das Risiko, auf veralteten Fertigwarenbeständen sitzen zu bleiben.

Voraussetzungen für den Erfolg

Damit ATO funktioniert, ist eine modulare Produktgestaltung (Baukastenprinzip) zwingend erforderlich. Zudem müssen die IT-Systeme, insbesondere das ERP und das Advanced Planning System (APS), in der Lage sein, die Materialverfügbarkeit in Echtzeit zu prüfen und die Montageaufträge sekundenschnell zu disponieren.

Fazit

Assemble to Order (ATO) ist das ideale Konzept für eine Welt, die nach Schnelligkeit und Individualität verlangt. Es entlastet die Lagerlogistik durch die Konzentration auf Baugruppen und erfüllt gleichzeitig höchste Kundenansprüche durch agile Endmontage. Unternehmen, die den Entkopplungspunkt durch ATO präzise steuern, schaffen eine resiliente und kosteneffiziente Supply Chain, die technologisch und wirtschaftlich für die Herausforderungen der Zukunft gerüstet ist.

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