Fachartikel: Geschätzte Segelzeit – Der maritime Taktgeber
In der Seefracht bezeichnet die geschätzte Segelzeit (engl. Estimated Time of Sailing) den Zeitpunkt, zu dem ein Seeschiff voraussichtlich den Hafen verlassen und seine Reise auf dem Seeweg beginnen wird. Während die ETD oft das Ablegen vom Kai beschreibt, fokussiert sich die ETS präzise auf den Beginn der eigentlichen Überfahrt. In der Logistikkette des Jahres 2026 ist die ETS eine kritische Planungsgröße, da sie den spätestmöglichen Zeitpunkt für die Anlieferung von Containern am Terminal (Closing) indirekt mitbestimmt.
Bedeutung und Abgrenzung in der Transportplanung
Innerhalb der maritimen Supply Chain müssen Disponenten und Verlader die ETS von verwandten Begriffen unterscheiden, um Missverständnisse zu vermeiden:
- ETD (Estimated Time of Departure): Bezieht sich oft auf den Moment, in dem das Schiff die Taue löst. Die ETS kann kurz darauf folgen, sobald das Schiff das Hafengebiet verlässt.
- Closing (Annahmeschluss): Die Zeitspanne zwischen dem Container-Closing und der ETS ist der Puffer, den das Terminal für das Stauen der Container an Bord benötigt.
- Transitzeit: Die eigentliche Berechnung der Reisezeit zum Zielhafen beginnt mit der ETS (dem Zeitpunkt des "Segelns").
Faktoren, die die ETS beeinflussen
Die geschätzte Segelzeit ist in der Seefracht hochgradig volatil und von zahlreichen externen Faktoren abhängig:
- Hafenauslastung: Wenn Liegeplätze blockiert sind oder Kräne ausfallen, verzögert sich die Beladung und damit die ETS.
- Wetter und Gezeiten: Besonders in Häfen mit starkem Tidenhub kann ein Schiff nur in bestimmten Zeitfenstern auslaufen.
- Bunkerung und Proviantierung: Verzögerungen bei der Treibstoffaufnahme oder der Versorgung des Schiffes.
- Behördliche Freigaben: Zollbeschauen oder Verzögerungen bei den Hafenbehörden können den Start der Segelzeit nach hinten verschieben.
Praxis-Relevanz 2026: Intelligente Hafenlogistik
Im Jahr 2026 wird die ETS durch hochmoderne Systeme präziser überwacht und kommuniziert:
- Virtual Arrival: Schiffe passen ihre Geschwindigkeit auf See an, um exakt zu einem freien Slot im Hafen anzukommen. Die ETS des vorherigen Hafens wird so optimiert, dass Liegezeiten minimiert werden (Green Logistics).
- AIS-Tracking: Verlader können über Satellitendaten in Echtzeit sehen, ob ein Schiff die Segelzeit (ETS) eingehalten hat oder noch im Hafenbecken liegt.
- Automatisierte Avisierung: Weicht die tatsächliche Segelzeit (ATS – Actual Time of Sailing) von der ETS ab, berechnen KI-Systeme sofort die neue ETA für den Zielhafen und informieren alle Partner in der Logistikkette.
Experten-Tipp: Planen Sie bei der Buchung von Seefracht immer einen Puffer von 24 bis 48 Stunden nach der gemeldeten ETS ein. Schiffe in der Linienfahrt "hüpfen" oft von Hafen zu Hafen, und kleine Verzögerungen summieren sich schnell auf.
Fazit
Die geschätzte Segelzeit (ETS) ist der Startpunkt der maritimen Reise. Eine verlässliche ETS ermöglicht es Verladern, ihre Bestände in der Supply Chain genauer zu steuern und die Warenverfügbarkeit am Zielort sicherzustellen. Im Jahr 2026 sorgt die digitale Vernetzung von Häfen und Reedereien dafür, dass diese Daten transparent und in Echtzeit für alle Beteiligten der Logistikkette verfügbar sind.