Die Havarie-grosse (international: General Average) ist eines der ältesten Rechtsprinzipien der Seeschifffahrt. Sie beschreibt eine Situation, in der der Kapitän eines Schiffes vorsätzlich und vernünftigerweise außergewöhnliche Aufopferungen oder Ausgaben tätigt, um das Schiff, die Besatzung und die Ladung aus einer gemeinsamen drohenden Gefahr zu retten. Das Besondere: Die Kosten dieser Rettung werden solidarisch auf alle Beteiligten der Reise (Reeder und alle Ladungseigentümer) verteilt.
Damit eine Situation rechtlich als Havarie-grosse eingestuft wird, müssen spezifische Kriterien erfüllt sein:
[Image: A dramatic scene of a cargo ship in heavy seas where containers are being jettisoned to stabilize the vessel, illustrating the "sacrifice" part of General Average.]
Wird die Havarie-grosse durch den Reeder erklärt, beginnt ein komplexer juristischer und finanzieller Prozess:
1. Ermittlung der WerteEin unabhängiger Sachverständiger (der sogenannte Dispacheur) ermittelt den Gesamtwert des geretteten Schiffes und aller geretteten Waren.
2. Berechnung des BeitragsDie Gesamtkosten der Rettung (Bergungskosten, Hafengebühren für Nothäfen, Reparaturen oder geopferte Ladung) werden prozentual auf alle Beteiligten verteilt. Jede Partei zahlt im Verhältnis zum Wert ihrer eigenen geretteten Ware.
3. Pfandrecht des ReedersDer Reeder hat ein gesetzliches Pfandrecht an der Ladung. Das bedeutet: Waren werden erst dann an den Empfänger ausgeliefert, wenn dieser eine Sicherheitsleistung (Average Bond) hinterlegt oder seine Versicherung eine Garantieerklärung abgegeben hat.
In der modernen Logistikkette unterschätzen viele Verlader das finanzielle Risiko der Havarie-grosse:
[Image: A document showing a "General Average Guarantee" form, emphasizing the role of insurance companies in releasing blocked cargo.]
Im Jahr 2026 wird die Abwicklung dieses jahrhundertealten Prinzips durch Technologie beschleunigt:
Experten-Tipp: Prüfen Sie Ihre Verträge auf die "York-Antwerpen-Regeln". Diese internationalen Bestimmungen regeln fast weltweit, wie die Havarie-grosse im Detail berechnet wird. Ohne eine entsprechende Versicherung ist das Risiko eines Totalverlusts durch Havarie-Beiträge im Seetransport schlicht nicht kalkulierbar.
Die Havarie-grosse ist das ultimative Beispiel für die Schicksalsgemeinschaft auf See. Sie stellt sicher, dass der Kapitän im Notfall zum Wohle aller handelt, ohne einzelne Ladungseigentümer zu bevorzugen. Für Logistikleiter ist sie die stärkste Mahnung, niemals auf eine umfassende Transportversicherung zu verzichten, um die finanzielle Stabilität der Logistikkette nicht zu gefährden.