Logistik lexikon

Notice of Readiness (NOR): Bedeutung, Fristen & Rechtfolgen

Fachartikel: Notice of Readiness – Der Startschuss für die Liegezeit

Die Notice of Readiness (NOR) ist eine formale Mitteilung des Kapitäns eines Seeschiffes an den Befrachter (Charterer), den Empfänger oder den Hafenagenten. Mit diesem Dokument erklärt der Kapitän rechtsverbindlich, dass das Schiff den vereinbarten Bestimmungsort erreicht hat und in jeder Hinsicht bereit ist, mit dem Laden oder Löschen der Ladung zu beginnen. In der Logistikkette markiert die NOR den entscheidenden Übergangspunkt von der Seereise zur Hafenabwicklung.

Voraussetzungen für eine gültige NOR

Damit eine Notice of Readiness rechtswirksam ist und die vertraglich vereinbarte Liegezeit (Laytime) ausgelöst wird, müssen im Jahr 2026 üblicherweise drei Bedingungen erfüllt sein:

  1. Ankunft des Schiffes: Das Schiff muss ein „arrived ship“ sein. Je nach Chartervertrag (Berth Charter oder Port Charter) bedeutet dies, dass das Schiff entweder bereits am Liegeplatz festgemacht hat oder den festgelegten Wartebereich im Hafen erreicht hat.
  2. Betriebsbereitschaft: Das Schiff muss physisch bereit sein. Das bedeutet, Lukendeckel müssen geöffnet werden können, Kräne (beim LOLO-Verfahren) müssen einsatzbereit sein und die Laderäume müssen sauber und trocken sein.
  3. Rechtliche Bereitschaft: Alle Zollformalitäten, Gesundheitszeugnisse (Quarantäne) und notwendigen Papiere müssen vorliegen oder kurzfristig verfügbar sein.

Fristen und die Bedeutung für die Laytime

Die Zustellung der NOR ist der zeitliche Fixpunkt, an dem die „Uhr“ für die Liegezeit zu laufen beginnt. Dies ist für das Supply Chain Management von enormer finanzieller Bedeutung:

  • Trigger-Effekt: Sobald die NOR akzeptiert wurde, beginnt nach einer vertraglich festgelegten Frist (z. B. 6 oder 12 Stunden, die sogenannte „Turn Time“) die Anrechnung der Liegezeit.
  • Demurrage (Liegegeld): Wird die vereinbarte Liegezeit überschritten, weil die Be- oder Entladung zu lange dauert, muss der Befrachter Demurrage an den Reeder zahlen.
  • Despatch (Eilgeld): Ist die Abwicklung schneller beendet als geplant, kann der Befrachter unter Umständen Despatch-Zahlungen vom Reeder fordern.

Praxis-Relevanz 2026: Digitale NOR und Smart Contracts

Im Jahr 2026 wird die traditionelle, oft per Funk oder E-Mail übermittelte NOR durch digitale Prozesse ersetzt:

  • Blockchain-Validierung: Die NOR wird 2026 zunehmend als digitaler Zeitstempel in einer Blockchain hinterlegt. Dies verhindert nachträgliche Streitigkeiten über den exakten Zeitpunkt der Zustellung zwischen Reeder und Befrachter.
  • Automatisierte Laytime-Berechnung: Moderne Transport Management Systeme (TMS) verknüpfen die digitale NOR automatisch mit den Telematikdaten des Schiffes (AIS) und den Umschlagdaten des Terminals, um die Liegezeit in Echtzeit zu kalkulieren.
  • Middleware-Integration: Lösungen wie GM-DocuStream unterstützen dabei, die mit der NOR verknüpften Dokumente (wie den Port-Log oder den Fact Sheet) automatisiert zu archivieren und für die Abrechnung aufzubereiten.
  • IoT-Sensorik: Sensoren an den Luken und Tanks bestätigen 2026 die physische Bereitschaft des Schiffes (z. B. Sauberkeit der Laderäume) simultan zur Abgabe der NOR.

Experten-Tipp: Achten Sie bei der Prüfung einer NOR besonders auf den Status „WIPON“ (Whether In Port Or Not). Diese Klausel schützt den Reeder, falls das Schiff aufgrund von Hafenstaus nicht sofort einlaufen kann, und ermöglicht die Abgabe der NOR bereits auf der Reede, um die Liegezeit früher zu starten.

Fazit

Die Notice of Readiness bleibt auch 2026 das kritische Bindeglied zwischen maritimem Transport und Hafenlogistik. Eine fehlerhafte oder verspätete NOR kann innerhalb der Logistikkette zu massiven Mehrkosten führen. Durch die fortschreitende Digitalisierung wird der Prozess jedoch transparenter und weniger anfällig für rechtliche Auseinandersetzungen, was die Effizienz im globalen Supply Chain Management nachhaltig steigert.

Trends, Wissen und Innovationen für die Logistik der Zukunft

MHV Logistik Lexikon