Logistik lexikon

EU-Gemeinschaftslizenz: Voraussetzungen, Kosten & Vorteile

Fachartikel: EU-Gemeinschaftslizenz – Die Eintrittskarte zum europäischen Transportmarkt

Für Unternehmen, die gewerblichen Güterkraftverkehr über die Landesgrenzen hinweg innerhalb der Europäischen Union betreiben möchten, ist die EU-Gemeinschaftslizenz (oft auch einfach „EU-Lizenz“ genannt) das wichtigste Rechtsdokument. Sie berechtigt den Inhaber, grenzüberschreitende Transporte in allen Mitgliedstaaten der EU sowie in den EWR-Staaten (Norwegen, Island, Liechtenstein) durchzuführen. Im Gegensatz zur rein nationalen Güterkraftverkehrserlaubnis ermöglicht die Gemeinschaftslizenz zudem die sogenannte Kabotage – also den Transport von Gütern innerhalb eines anderen EU-Mitgliedstaates durch ein dort nicht ansässiges Unternehmen. Damit ist sie die fundamentale rechtliche Basis für die Liberalisierung und Effizienz des europäischen Binnenmarktes.

Funktionsweise & Details: Voraussetzungen für die Erteilung

Die Erteilung einer EU-Gemeinschaftslizenz ist an strenge Bedingungen geknüpft, die sicherstellen sollen, dass nur zuverlässige und finanziell leistungsfähige Unternehmen am Markt agieren. In Deutschland wird die Lizenz von den örtlich zuständigen Verkehrsbehörden (z. B. Landratsamt oder Stadtverwaltung) ausgestellt.

Die vier Säulen der Berufszulassung

Um eine EU-Lizenz zu erhalten, muss ein Verkehrsleiter oder der Unternehmer selbst folgende Kriterien erfüllen:

  1. Tatsächliche und dauerhafte Niederlassung: Das Unternehmen muss über einen festen Betriebssitz im Ausstellungsland verfügen, an dem die Kernunterlagen (Fahrzeuge, Verträge, Buchhaltung) aufbewahrt werden.
  2. Finanzielle Leistungsfähigkeit: Das Unternehmen muss nachweisen, dass es über genügend Eigenkapital verfügt (aktuell 9.000 € für das erste Fahrzeug und 5.000 € für jedes weitere Fahrzeug).
  3. Fachliche Eignung: Der Verkehrsleiter muss seine Fachkunde nachweisen, meist durch eine erfolgreich abgelegte Prüfung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK).
  4. Zuverlässigkeit: Das Unternehmen und die verantwortlichen Personen dürfen keine schwerwiegenden Verstöße gegen verkehrs- oder arbeitsrechtliche Vorschriften begangen haben (nachgewiesen durch Führungszeugnisse und Auszüge aus dem Fahreignungsregister).

Praxis-Relevanz: Warum die EU-Lizenz für Speditionen essenziell ist

Ohne eine gültige EU-Gemeinschaftslizenz darf kein LKW über 3,5 Tonnen (seit 2022 teilweise bereits ab 2,5 Tonnen im grenzüberschreitenden Verkehr) gewerblich für Dritte fahren.

Vorteile und Pflichten

  • Flexibilität im Binnenmarkt: Mit der Lizenz entfallen bilaterale Genehmigungsverfahren für jeden einzelnen Grenzübertritt innerhalb der EU.
  • Kabotage-Rechte: Die Lizenz erlaubt es einem deutschen Spediteur, nach einer internationalen Lieferung bis zu drei inländische Transporte in einem anderen EU-Land (z. B. Frankreich) innerhalb von sieben Tagen durchzuführen. Dies reduziert Leerfahrten massiv.
  • Gültigkeit: Die Lizenz wird in der Regel für einen Zeitraum von bis zu zehn Jahren erteilt, wobei die finanzielle Leistungsfähigkeit regelmäßig überprüft werden muss.
  • Mitführungspflicht: Das Original der Lizenz verbleibt im Unternehmen, während in jedem eingesetzten Fahrzeug eine beglaubigte Abschrift mitgeführt werden muss. Bei Kontrollen durch das Bundesamt für Logistik und Mobilität (BALM) führt das Fehlen dieser Abschrift zu hohen Bußgeldern.

Digitalisierung und Überwachung

Alle erteilten Lizenzen werden im nationalen elektronischen Verkehrsunternehmensregister (ERRU) erfasst. Dieses ist europaweit vernetzt, sodass Behörden in Echtzeit prüfen können, ob ein Unternehmen über die notwendigen Berechtigungen verfügt.

Fazit

Die EU-Gemeinschaftslizenz ist weit mehr als nur ein bürokratisches Dokument; sie ist das Gütesiegel für professionelle Transportunternehmen. Sie garantiert einheitliche Sicherheits- und Qualitätsstandards auf europäischen Straßen und schützt den Markt vor unzuverlässigen Akteuren. Für Logistikunternehmen ist die Lizenz das Ticket zum Wachstum über nationale Grenzen hinweg. Wer die Voraussetzungen für die Erteilung erfüllt, positioniert sich als seriöser Partner in der europäischen Lieferkette und profitiert von der vollen Freiheit des Warenverkehrs.

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